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Staubfänger#Launch#Magazin#Editorial_01

Lost im 90er-Mief –
oder warum Designmärkte a la „Craft and Style“ einfach nur stillos sind.

 

Zum Launch des superduper neuen Newcommer-Designexpertenmagazins „Staubfänger“ hat sich unser „Denim Detective“ (siehe ganz unten) gleich mal in die Tiefen des zukunftsweisenden Hamburger Designbusiness begeben. Völlig ausgebrannt kam unser Marathonschreiberling mit einer herzerweichenden Top-Investigativ-Story zu uns in die Redaktionsräume im ruhig gelegenen Ostra, nahe Milano und Ancona. Doch lesen Sie selbst diese uns aufwühlende Geschichte aus dem Alltag in der deutschen Provinz-Kreativbrache Hamburg:

 

Die Antwort auf obige Headline gleich vorweg, um Ihnen, werter Leser, womöglich das all zu viele Lesen zu sparen:

Weil Sie den Handwerkern, Künstlern, Produzenten von Designerware und Kunstwerken die sich in sinnbefreiten Hochglanzmagazinen wie beispielsweise der AD wiederfinden vorerst einfach erst mal mit fadenscheinigen Versprechungen auf mehr Kunden, auf „weitreichende“ und „fundierte“ Netzwerke, auf Verkauf des fancy Strickpullunders und sonstigen überflüssigen Handwerks-Designerquatsch einfach nur Geld abknöpfen wollen.
Und das nicht grade wenig.

Ich rechne einmal das „Angebot“ des Hamburger Stylewerks durch welches mich vor einigen Tagen erreichte. Zu berücksichtigen ist hierbei dass ich überwiegend an großformatiger Malerei arbeite, aber auch eine beträchtliche Anzahl kleiner Formate ebenfalls auf diesem Hausmannskost-Märktle präsentieren könnte, wenn ich denn wollte und vor allem: nicht rechnen können müsste. Und ja, für den frischen „Staubfänger“ arbeite ich auch. Ohne Lohn versteht sich, ist ja ein super geiles Start-Up welches es mit Selbstausbeutung zu unterstützen gilt. Anyway, zurück zur Messe:

Aufgrund der Größe meiner Werke müsste ich notgedrungen schon mal den Stand Größe L in Betracht ziehen. Dessen Kosten belaufen sich auf schlappe 780 €. Das ist doch schon mal ein Schnäppchen für einen am Rande des Wahnsinns und des Existemzminimums arbeitenden Heini wie mich, denken Sie doch auch bestimmt, werter Leser.
Hinzu kommt die Anlieferung der Werke, ich rechne mit 50 – 100 €. Der Erfahrung nach verkaufe ich nie eines meiner Werke auf solchen Tupperware-Messen für C-Prominenz, gehe da eh nur hin um zu sehen und gesehen zu werden, und meine ganzen „Designprodukte“ müssten dann halt wieder zurück ins Archiv.
Dann die „Digital Signage“ (meint wahrscheinlich irgendwelche Bildschirme mit abwechselnden Werbebildchen für die drangsalierten Designerdeppen und deren Produktpaletten, damit der vermeintliche Super-Duper-Insider-Geheimtipp kein Geheimtipp mehr bleibt) für weitere gut angelegte, mickrige 50 €.
Facebook Posts an die vielversprechenden 17.000„Follower“ des weltbekannten Stylewerks, die ich selbstverständlich unbedingt alle von Hand in meine Kundenkartei einpflege : Sage und schreibe nur 100 €! Was für ein Wahnsinnspreis, da muss man doch zuschlagen.
Und ein Advertorial, was ich als absoluter Neuling und Unbekannter im ertragreichen Designgeschäft des sexy Überbauprekariats natürlich unbedingt brauche , für weitere 500 €.

Also hier die Rechnung was mich solch ein Design-Präsentationspaß kosten könnte:

Erstellung des Werkes: 2300 €
+
Inanspruchnahme des Standes Größe L: 780 €
Digital Signage: 50 €
Facebook Posts: 100 €
Advertorial: 500 €
An- und Abtransport des Plunders: 50 €
Gesamt:                                                                       1480 €
bzw.: 3780€

In der Gesamtsumme bleche ich als Produzent, der ohnehin erst mal für die Erstellung seiner Werke, und nicht wie von unseren Designhansels unterstellt „Produkte“, schon eine Summe von ca. 500 € in Material investiert hat.
Die Arbeitszeit hier nicht mit berücksichtigt. Warum auch? Die meisten dieser fett gepimperten-Söhne-und Töchter reicher Eltern-Designer können mit dem Begriff Arbeit ohnehin nichts bis wenig anfangen. Sie stehen ja am oberen Ende der Nahrungskette. Trotzdem:
Die Arbeitszeit dürfte sich bei einem nötigen Stundenlohn von 90 € die Stunde auf ca. 1800 € beziffern, wenn man für ein Werk wie „Whyte 03“ (welches ich hier natürlich nicht zeige) 20 Arbeitsstunden zugrunde legt.

Ich fasse das „Angebot“ zusammen:

Für nur drei Tage meinen Designplunder, meine Modescheiße, meine Kunstkacke in einem „stilvollen“ Pfeffersackambiente den gelackten und gegelten Säuen des Establishments zum Frass vorzuwerfen, soll ich um die 1500 € zahlen dürfen?
Hut ab, kein schlechter Tagessatz fürs Knöpfechendrücken des Key Account-Managements.

Was habe ich im Umkehrschluss davon?

Hoffnung.
Spekulation.

Keinerlei Garantie für Verkäufe.

Garantiert die Blicke von Vollidioten und
den garantierten Ideenklau derselben:
„Schau mal was für schöne Bildchen.
Ach das kann der Hannes uns ja bestimmt auch ma`für über uns`re Wohnzimmersofagruppe malen“

Und sollte es nicht eigentlich andersherum sein? Sie zahlen mich mit tausenden €uros aus damit ich überhaupt in Erscheinung trete und meine durchaus überflüssigen Ergüsse bei Ihnen zeige?
Sie profitieren doch so oder so von mir, oder etwa nicht ?
Warum Sie, werter Leser, wenn Sie es denn bis hierher geschafft haben, ohnehin von mir profitieren?

Alleine die Rechnung und der damit einhergehende Erkenntnisgewinn dass sich Design und Kunst oekonomisch gesehen nur für die Zweit- und Drittverwerter, die Kuratoren, die Galeristen, die Sammler, die Verwalter, die Apparatschiks drumherum, die Kritiker vielleicht (immerhin haben Sie Etwas zum drüber schwätze´ ), und die ohnehin an Besitz platzenden Bourgeoisie lohnen.
Bei „Angeboten“ dieser Art wird der Gärtner ganz plump zum Bock gemacht. Und der Kreativmarkt, der Kunstmarkt und der Handwerksmarkt sind übersät von solchen unanständigen Angeboten.
Nicht umsonst wird solch ein „Angebot“ von einem Key-Account Manager verwaltet. In unserem Falle nenne ich Ihn einfach mal Julius Streicher. Herr Streicher verwaltet also die hochwertigen Kunden, eigentlich nämlich die Produzenten welche sich bei dieser Veranstaltung selbst zu Kunden des Stylewerks für schlappe tausende von Euros degradieren lassen dürfen. Und dabei zahlen die das eben auch noch drauf.
Das ist schon eine sehr offensichtliche Gärtner-Bock-Transformation, oder?
Anders: Herr Streicher ist für diese offensichtliche Enteignung tausender Euros der Produzenten zuständig. Neoliberalismus vom Feinsten also.
Mit Verlaub Streicher: In mir haben Sie Ihre Zielgruppe verfehlt. Enteignen Sie sich doch einfach mal selbst und zeigen uns danch Ihre hübschen Designprodukte, Sie Sozialfaschist von Key-Account-Manager.

Doch daran hatte ich ja noch gar nicht gedacht:

Vielleicht geht es dem Stylewerk mitlerweile genauso beschissen wie dem großen Teil der Menschen die im „Kreativsektor“ arbeiten aber kein Geld dabei verdienen?
Und vielleicht müssen Sie sich mittlerweile die Kohle nun bei den Produzenten statt wie früher üblich bei den Kunden holen?
Vielleicht arbeitet Herr Streicher ja sogar ehrenamtlich fürs Stylewerk?
Weil er einfach auf diese neumodischen Breker-Anti-Bauhaus-Duceartigen-Schlafzimmer-Hanseaten-Bettvorleger steht?
Oder vielleicht arbeitet sogar Herr von Mies für umme, unter dessen Kuration sich die Damen und Herren Designer begeben dürfen.
Ja, Sie haben richtig gelesen: Die Kuration eines weltberühmten Fliegenklatschenmachers mit Goldstengel und ein damit einhergehendes Bewerbungsverfahren gibt es mit oben drauf. Und mal ganz ehrlich: Einem Bewerbungsverfahren stellen wir uns doch alle gerne. Was ist es denn auch für eine riesige Freude sich von seinen Mitmenschen bewerten zu lassen, gell? Und grade unsere ewig jobsuchenden Mitmenschen dürfte ein weiteres Bewerbungsverfahren sicherlich vollauf begeistern…
Es ist also noch nicht ganz ausgeschlossen, dass im Bewerbungsverfahren schon einige Kosten auf Sie zukommen:
Zumindestens das Porto, die für das Stylwerk kostenlose Übergabe Ihrer Ideen, und der damit einhergehende Zeitverlust sollten für einen vor Zeit und Geld strotzenden Mikro-Produzenten wie mich und Sie ja wohl drinne sein, ist doch klar.

Haben diese Hamburger Damen und Herren noch alle Tassen im Schrank?
Hoffentlich ja, und hoffentlich ersticken diese dekadenten AD-Vogue-Elle-Street-Style-Opfer an Ihren Riedel Gläsern in der bulthaup-banksy-Küche, Ihrem gekünsteltem Daddy-Cool-Anspruch, in Ihrer eigenen asozialen, elitären Kleinbürgerstyle-Dumpfheit , in diesem 90er Jahre-Mief der sich Stylewerk schimpft und mit fancy Graffity VS Graffity im gut versteckten Treppenhaus schmückt.
Diese seit Jahrhunderten andauernde Ausbeutung der Produzenten ist dermaßen stilllos, das eine außerparlamentarische Kulturkommission dem Hamburger stylewerk bei fachgemäßer Entglasung den Namen entziehen sollte. Damit endlich wieder drin ist was drauf steht. Und das bitte bei gleichzeitig ausgesprochenem Berufsverbot für diese Kinder reicher Eltern welche sich die Teilnahme an einem solchen snobistischen Brettlesbohrerdünnsinn leisten, statt ehrenamtlich die Toiletten schrubben zu gehen in die sie selbst hineingeschissen haben.
Schon klar, für die Geburt in ein reiches Elternhaus kann niemand etwas. Aber dafür dass man seit eh und jeh finanziell schwache Menschen von seinem elitären Kulturgehabe ausschließt, und sich dann noch als altruistischen Humanist im Sinne des guten alten Handwerks darstellt, dafür kann man etwas. Man könnte es vor allem einfach sein lassen, und mit seiner Kohle die Schwachen unterstützen, seine Tore wirklich mal für Innovation öffnen.
Stattdessen einfach mal wirklich korrekte Deals den Produzenten anbieten, anstatt immer wieder aufs neue die billige Ausbeuterkeule aus dem verfilzten Prada-Täschchen zu zücken, das wäre ein Angebot.

Da das nicht passieren wird, werde ich am Tage der Craft and Style Messe mit meinem strasssteinchenverzierten Versace-Taschenrechner bewaffnet, und kühlen-klaren Kopfes die Summe errechnen welche das altruistische Stylewerk bei diesem Event des High-End-Design-Humanismus umgesetzt hat. Ich freue mich drauf.

 

Mit freundlichen Grüßen, Sante von Finsterpatsche.



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